1.810 Seiten, 286 Tage

1.810 DIN A4 Seiten WhatsApp Chat in 286 Tagen. Die Dokumentation von zwei Menschen, die sonst nur flüchtige Begegnungen haben. Obwohl sie in der selben Stadt leben. Wenn es nicht so real für mich wäre, man müsste daraus einen Film machen.

Dieser Beitrag ist wohl Seelenhygiene. Etwas was ich brauche, weil ich es sonst nicht so einfach von mir geben kann. Weil ich es R. nicht schreiben kann. Weil ich ihr nicht mehr Stress aufbürden will, als sie schon hat. Ja, es steht hier auch, weil ich weiß, dass sie es lesen wird. Aber erst dann, wenn sie Zeit hat.

R. hatte erfahren, dass WhatsApp alte Chats löscht. Auch wenn man das wohl leicht verhindern kann, sprachen wir darüber, unseren Chat irgendwie zu sichern. Ich hatte schon länger einmal die Idee gehabt, aus dem Chat ein nettes Büchlein zu machen. Deswegen habe ich unseren Text der vergangenen Monate exportiert. Als ich die Datei in Word geöffnet habe, stand die Zahl von 1.810 Seiten. Der „Herr der Ringe“ hat in einem kleineren Format ca 1.300 Seiten. Und diese Menge sagt so viel aus.
Eigentlich sind wir noch immer dort, wo wir vor 5 Monaten waren. Wir dürfen uns nicht sehen. Oder nur in sehr kleinem Rahmen. Wenn Rs. Partner dabei ist oder nur um Abholungen zu machen. Es gab Zeiten, da sah es besser aus. Und dann kamen wieder Rückschläge.
Rs. Partner ist sich unsicher in der der Beziehung. Er hat wohl Angst, dass sich R. verändern würde, wenn wir uns sehen würden. Nicht mehr so aufmerksam ihm gegenüber. Weniger feinfühlig. Alles Ängste die ich verstehen kann. Aber nach 1.800 Seiten Gespräch frage ich mich: Welchen Einfluß könnte ich auf die Frau mehr nehmen, wenn ich sie sehen und berühren darf? Man stelle sich das vor, 1.800 Seiten Briefe zwischen zwei Menschen. In nicht mal einem Jahr? Selbst wenn da viel technischer Overhead dabei ist (Datum, Zeit, Namen) bleiben sicher noch mehr als 1.000 Seiten übrig. Ich bin zwar ein kommunikativer Mensch, aber das hat mich auch sehr überrascht.

Ich hatte die Hoffnung, dass es nach letzter Woche besser wird. R. hatte eine große wichtige Prüfung, auf die sie seit anderendhalb Jahren hin arbeitete. Die auch sehr viel Stress in ihrer Beziehung bedeutet hat und bei der sie ihr Partner wirklich wo es nur geht unterstützt hat. Und dabei auch sehr über seinen eigenen Schatten gesprungen ist.

Leider ging die Prüfung schlecht aus. Manchmal ist das so im Leben. Aber das ganze hat mir etwas gezeigt. Im Vorfeld habe ich gelitten, weil ich wusste, ich werde nicht die Möglichkeit haben, mich mit ihr richtig zu freuen. Ja. Ich hätte ihr schreiben können. Aber ich habe in den vergangenen Monaten mit ihr mitgezittert. Habe versucht, sie aufzubauen, abzulenken von Stress. Ihr zuzuhören, wenn sie jemanden zum Reden gebraucht hat. Sie in ihrer Beziehung zu ihrem Partner zu stärken. Viele Dinge, die die beiden erleben, sind mir nicht fremd. Ich weiß, dass sich die Stärke einer Beziehung nicht durch die schönen Tage definiert, bei denen man irgendwo Arm in Arm am Strand liegt. Sondern an den Wochen und Monaten, wo man sich auf den anderen verlassen kann, wenn es kracht. Wenn es nicht rund läuft. Auch die Zeiten, wo gestritten wird. Wenn man dann trotzdem zusammen bleibt, zueinander steht. Das sind die Dinge, die eine Beziehung ausmachen und stärken.
Auf jeden Fall war mir zwar bewusst, dass ich mit R. nicht feiern hätte können. Ich hätte nicht einmal Blumen schicken können oder sonst etwas nettes machen dürfen, ohne wieder eine Krise auszulösen. Aber je näher der Termin rückte, desto mehr tat mir das weh. Und dann, als wir erfuhren, dass es daneben gegangen war, war ich noch unrunder, noch schmerzerfüllter. Meine Frau fragte mich, ob ich zu ihr fahren möchte. Sie hätte das gleiche für ihre Freundin getan. Und haben wir auch schon öfter.

Ich konnte nur mit gesenktem Blick antworten: „Das geht nicht.“

„Ist es denn explizit verboten?“

„Es ist alles verboten, was nicht explizit erlaubt wurde…“

„Sie sind aber schon poly, oder? Also, nicht nur am Papier?“

Am folgenden Abend führte ich ein langes Gespräch zu der Situation mit meiner Frau. Unter anderem auch, weil wir uns gegenseitig geschworen haben, auf einander aufzupassen. Und sie sieht, dass es mir mit der Situation zunehmend schlechter geht. Ich versuchte ihr zu erklären, was das Problem sei. Dass es da ganz viele Unsicherheiten gibt.
Aber sie sieht das ganze immer kritischer. Sie mag R. Aber sie hätte es gerne, dass ich wieder glücklicher bin. Und es stört sie, weil die gesamte Situation sich auch auf sie auswirkt. Weil sie selbst beschränkt wird. Wir vermeiden bestimmte Veranstaltungen in unserer Heimatstadt. Also, R. wenn sie weiß, dass ich hingehe und ich, wenn ich weiß, das R. hingeht. Bei einer doch recht kleinen Community sowohl hinsichtlich Poly als auch SM bedeutet das eine starke Einschränkung für uns alle. Aber andererseits wissen wir, dass es noch quälender ist, wenn man sich sieht und doch nicht sehen darf. Und dadurch wird auch mein Eheweib beschränkt, da wir natürlich gerne zu zweit Stammtische oder Spielabende besuchen würden. Sie wird das Herumgetue bald nicht mehr akzeptieren.
Fast wie vorherbestimmt traf Rs. Partner am Tag darauf der nächste Schicksalsschlag. Der kam zwar nicht ganz überraschend aber trotzdem. R. und ich wollten eigentlich wenigstens telefonieren. Aber auch das wollte R dann ihren Partner nicht fragen, da er vollkommen zerstört war. Den Kommentar meiner Frau dazu schreibe ich lieber nicht auf. Und während R. nun versucht, so schnell als möglich die Prüfung zu wiederholen und ihren Partner zu unterstützen, muss ich versuchen, mich selbst aufrecht zu halten und meiner Frau zu kommunizieren, dass ich noch Hoffnung habe. Und schauen, wie lange meine Energie noch reicht zu warten. Darauf, dass Rs Partner vielleicht erkennt, dass man kaum mehr Einfluss haben kann, als das was eh schon da ist. 1.800 Seiten. Und ich muss den Mut aufbringen, diese 1.000 Wörter zu veröffentlichen.

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