Verlustängste

Ich denke, Polyamorie ist eine Lösung, um die Scheidungsrate und Trennungen zu vermeiden. Zumindest solche, die entstehen, wenn Menschen sich lieben, aber merken, dass etwas fehlt. Denn kaum wer ist ein Leben lang der 100% Deckel auf den Topf.

Aber nur, wenn man sie in ihrem Kern richtig versteht und verantwortlich lebt.

Aus einem Gespräch mit R. ergaben sich diese Gedanken und es ist mir Wert, sie hier nieder zu schreiben.

Viele Menschen verlieben sich ineinander, bei sehr vielen erwächst daraus Liebe. Aber trotzdem bleibt ein Mensch nicht 40, 50 oder 70 Jahre lang der selbe Mensch. Und so wie unser Haar grau, unsere Haut faltiger, unsere Bäuche vielleicht größer und unsere Brüste schlaffer werden, genauso verändern sich unsere Bedürfnisse – sowohl an das Leben als auch an die Menschen, die uns begleiten.

Liebe ist ein Metagefühl. Wenn mich jemand fragt „Warum liebst du mich?“ so werde ich keine richtige Antwort geben können. Aber zu einer Beziehung gehört mehr als Liebe – wir versuchen alle, „einen“ Partner zu finden, der zu uns passt, d.h. ähnliche Interessen hat, eine ähnliche Einstellung zu Leben hat, mit uns Kinder will (oder wie wir genauso keine Kinder will), gerne reist, Wein statt Bier trinkt und am Wochenende lieber auf die Berge geht, statt im Club die Sau raus zu lassen. Dazu kommt natürlich auch das Sexuelle. Sex ist schon hormonell extrem wichtig für eine Beziehung, da unsere Körper darauf programmiert sind, Bindungshormone beim Sex auszuschütten. Die Natur braucht zwei Menschen, um unser extrem langes und aufwändiges Brutkonzept durchzuführen. Also sorgt sie dafür, dass die Partner zumindest die notwendige Zeit zusammen bleiben.
Viele Menschen entwickeln sich aber im Laufe ihres Lebens sexuell weiter. Mein Eheweib und ich sind dafür ein gutes Beispiel. Wir hatten das Glück, dass wir beide auf die selben Dinge stehen und auch das „Pech“, dass wir beide auch auf Frauen stehen 😉 Aber hier zeigt es sich schon. Es ist für einen Menschen fast unmöglich, „Alles“ für den anderen zu sein. Selbst wenn man am Anfang vielleicht die selben Hobbies teilt, den selben Büchergeschmack hat und gerne am Samstag abend bei zugezogenen Gardinen und ohne Licht für 5 Minuten Missionarsstellung betreibt, so muss das nicht immer so bleiben. Gerade Frauen entwickeln sich massiv weiter, je besser sie ihren Körper kennen und je mehr sie gesellschaftliche Zwangsnormen abschütteln können. Männer bauen im Alter aber eher ab, da der Testosteronspiegel ab Mitte 30 zu sinken beginnt.
Und wenn man vielleicht in jungen Jahren gerne auf den Wanderausflug verzichtet hat, weil der Liebste lieber im Garten geblieben ist, so wird man es aber später vielleicht vermissen. Solche fehlenden Kleinigkeiten sorgen aber dafür, dass sich der Deckel am Topf immer weiter verschiebt. Und wo früher der Druck drin geblieben ist und das Liebesmahl am Kochen hielt, so kann der Wasserdampf nun immer mehr entweichen – und was im Topf bleibt, wird plötzlich lauwarm und schal.

Viele Menschen suchen sich dann das, was ihnen fehlt, bei anderen. Oft reicht es, wenn man das fehlende bei Freunden erlebt – aber wenn es sich um sexuelles handelt, dann werden daraus oft Affairen – oder sehr frustrierte alte Menschen. Affairen enden oft im Bruch der Beziehung. Meistens sind sie nur das Wasser, dass in eine Ritze des Felsens eindringt – aber sobald es einmal friert, sprengt dieses Wasser auch den festesten Stein.

Aber genau das muss nicht sein. Denn wenn man diese fehlenden Kleinigkeiten bei anderen Menschen findet – und vielleicht auch noch viel mehr – aber deswegen kein Schuldgefühl aufbaut, keine schlechten Gedanken und auch den bestehenden Partner nicht vernachlässigt – sondern klar und offen lebt, dann braucht man auch den Bruch einer Beziehung aus den oben genannten Gründen nicht mehr fürchten.

Natürlich gibt es Menschen, die Polyamorie deswegen leben, weil sie möglichst egoistisch ihre eigenen Bedürfnisse erfüllen wollen, ohne sich um andere zu scheren. Die Menschen austauschen, wie andere die Socken. Aber solche Menschen wären auch als „Monos“ nicht besser.
Seit J. und ich als Paar poly leben, brauche ich im Hinterkopf nicht mehr zu fürchten, dass sie mich eines Tages wegen einer Frau verlassen wird. Ich brauche mich aber selbst auch nicht mehr selbst einsperren – sowohl kommunikativ als auch emotional. Ich verliebe mich gerne. Und ich liebe gerne. Ich bin kein Freund von kurzen Affairen, für mich bedeutet eine Beziehung nicht nur viel Zeit sondern auch Hingabe, Verantwortung und Hilfe. Deswegen hatte ich wohl auch nie ein Talent dafür, mich durch das Angebot an Bargästinnen zu schlafen, als ich noch DJ war. Jetzt, wo ich ohne schlechtem Gewissen etwas für andere Frauen empfinden kann, mit ihnen Zeit verbringen kann – oder mit ihnen schlafen kann, bin ich wieder ein freier, lebender Mensch geworden. Und genau diese Möglichkeit hat die Beziehung zu J. nicht nur gerettet sondern hat ihr eine Kraft, Dynamik und Energie gegeben, die vorher gar nicht so da war. Wir lieben uns tiefer und intensiver, jeden Tag. Niemand käme nun mehr auf die Idee, Angst zu haben, verlassen zu werden. Eifersucht gibt es, ja – aber die macht das Salz in der Suppe aus – aber Verlustängste sind vergangen, jetzt wo wir gelernt haben anders zu sein. Wenn J. bei ihrer Freundin ist, kann sie Dinge erleben, die mit mir nicht möglich sind. Sie hat einen geistigen und emotionalen Input, der nun mal anders ist als mit mir. Und auch wenn ich derzeit keine Freundin habe, so kann ich zumindest ohne schlechtem Gewissen mit R. stundenlang chatten, mit ihr flirten, an ihrem Leben teil haben oder auch mal an einem Spieleabend im Club mit jemand anders Spaß haben. Ich denke auch immer noch gerne an T. zurück, auch wenn es sehr emotional aufgeladen und für mich am Ende schmerzvoll war – hier führten aber andere Dinge zum Bruch, die einfach nicht vermeidbar waren. Ich hatte nie die Angst, sie an jemand „anderen“ zu verlieren, nein, freute mich sogar, wenn sie mir erzählte, dass sie jemanden in ihrer Nähe gefunden hat.
Und statt dass dadurch meine Liebe zu J. gesprengt wird, wird sie von Mal zu Mal stärker – weil die Energie, die ich mit anderen erlebe, die Erlebnisse, die J. mit B. hat, auch auf unsere Bindung überspringt und sie stärkt. Wären wir nicht auf Poly gewechselt, so wären wir beide entweder unglücklich alt geworden oder es wäre irgendwann zerbrochen. So ist es stärker denn je.

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