„Gessn wird daham…“

„Appetit kannst da wo anders hol’n, aber gessn, wird daham!“*

Jeder verheiratete Mann (und wohl auch die Frauen) können sich diesen Spruch anhören, sollten sie mit einer fremden Person flirten oder auch nur bekannt geben, jemanden interessant zu finden. In jeder „Freundes“-Gruppe findet sich meist ein wissentlicher oder einfach nur gesellschaftlich konditionierter Moralapostel,  der damit versucht, den abtrünnigen Ehegatten mit der vollen Kraft der österreichischen Sprache darauf aufmerksam zu machen, dass zu Hause wohl wer nicht erfreut wäre, wenn aus der Interessensbekundung oder dem Blick auf die fremden Rundungen mehr werden würde als das.

Schwer jedoch, wenn man eigentlich sehrwohl „auswärts“ essen dürfte, dass aber nicht so einfach sagen darf. In meinem Fall würde es sofort die Runde machen, dass ich in einer polyamoren Ehe lebe. „Scheiss drauf“ funktioniert auch nur soweit, als das es Menschen (z.B. Eltern) gibt, die davon nichts wissen sollten. Sie würden es nicht verstehen, die Auswirkungen sind vielleicht enorm. So wie in unserem Fall, wo das Bekanntwerden dieser Lebensweise eine Explosion von Problemen aufwerfen würde. Die Mutter, die sich schwer mit einer bisexuellen Schwiegertochter tun würde, die auch noch den armen „Buam“ betrügt (das dieser, um die 40, aber selbst nicht monogam ist, wird dann wohl ausgeblendet.) Die Schwester, die Angst um ihr Erbe bekommen wird, weil sie sowieso vor allem und jedem Angst hat (aber jedes „Shades of Grey“ Buch gelesen hat…). Und wie erklären wir das dem Teenager- Neffen? Die Kinder, was ist mit euren Kindern? Haben die jetzt 2 Mamas? Oder 3? Und das ist nur meine, sehr kleine Seite der Familie. Meine Frau hätte es rund einem Duzend Verwandten zu erklären, alle streng katholisch aufgewachsen. Die eigenen Eltern sind hier noch die einfachsten Fälle, denn sie waren in jungen Jahren auch keine „Lärcherl“**
Also, weiter schweigen. Aber wie geht man damit um, dass man vor den Augen der Gesellschaft seine Frau betrügt? Oder seinen Mann? Leider sind wir zwei bunte Hunde, die nicht einfach abtauchen können. Auch ein Auslagern der Aktivitäten in eine andere Stadt ist aufgrund der Kinder, die ja beaufsichtigt werden müssen, nicht möglich. Ganz zu schweigen davon, dass uns dort die notwendige Infrastruktur fehlen würde. Einzig das Ausweichen auf Swingerclubs bietet eine kleine Möglichkeit, aber dort geht es in 99% der Fälle nur um Sex. Ok, schön, aber, nicht unbedingt das, was man sucht.

Ich hatte diesen „Daham essen“ Moment, als ich mein altes Stammlokal (in dem ich jahrelang gearbeitet habe) besuchte. Mit guter Laune wollte ich nichts anders, als einen guten Abend verbringen.
Im Gespräch mit einigen Bekannten erwähnte ich, dass ich im Alter angelangt bin, wo ich mir nicht mehr sicher bin, ob ich die Töchter oder Mütter hübscher finde. Darauf hin kam irgendwann dieser Sager. Die junge Dame, die mir das entgegen schmetterte (mehrmals, weil ich nicht sofort davon abkam, andere Frauen interessant zu finden…), hat auf ihrer Facebookseite übrigens in den letzten Tagen ganz viele CSD Beiträge gepostet. Meine Laune war dahin, weil ich mir eben darüber Gedanken machte. Einerseits das schlechte Gewissen (jahrzehnte lange Konditionierung ist nicht abzuschalten) andereseits halt eben über die Gerüchte, die die Runde machen würden.

Tja…wenn man bloß homosexuell wäre…dann könnte man sich outen und alle würden einen Umarmen und so Sätze sagen, wie „Habs ja schon immer gewusst“, „Wir kämpfen dafür, dass auch du heiraten darfst!“ oder…“aber die Umarmung ist jetzt nix…schwules…oder?“ Aber als verheirater Poly (ich rede ja gar nicht vom BDSM) müsstest du erst mal 30 min erklären, dass das nicht einfach Rudelbumsen*** bedeutet (hatte ich wirklich schon, also…die Erklärung…) und dann würde man komisch angeschaut werden…um dann nochmal erklären zu müssen, dass es NICHT Gruppensex ist. Und dann würden die meisten kopfschüttelnd davon gehen oder fragen, ob ich jetzt 2 Frauen heiraten möchte…

Ehrlich, manchmal denke ich, dass ist alles die Strafe dafür, dass ich früher auch so ein Moralapostel war. Na gut, vielleicht gehts denen dann auch mal so (-;

Ergänzung: Keine 5 min, nachdem ich diesen Eintrag geschrieben habe, hatte ich genau wieder das gleiche Erlebnis. Bei einem relativ harmlosen Chat über Tinder wurde ich zärtlich darauf hingewiesen, dass ich verheiratet bin und zwei Kinder habe…

 

Für diejenigen, die dem österreichischen nicht so mächtig sind, hier auf Hochdeutsch: *“Appetit kann man sich auswärts holen, gegessen wird zu Hause“
**Unschuldslämmer/Kostverächter
***Gruppensex

Ein Gedanke zu “„Gessn wird daham…“

  1. Hallo Du. Ich denke sehr viele Menschen haben sich noch nie über polyamore Beziehungen informiert, sondern gehen mit ihrem Halbwissen hausieren. Ich finde so etwas furchtbar. Ich muss mich als Frau jedes Mal rechtfertigen warum ich nicht eifersüchtig bin, und ob ich meinen Partner nicht liebe. Ein Psychologe hat mir mal erklärt, ich habe einen „Fehler“, weil jeder Mensch ist eifersüchtig. Bin voll bei Dir. Alles Liebe C.

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