Die Büchse der Pandora (reopened)

Seit ich das letzte Mal hier schrieb, ist viel Zeit vergangen und einiges passiert. Um es kurz zusammenzufassen, die meinige ist jetzt meine Ehefrau. Gleichzeitig führt sie mit Ihr eine Beziehung, die in gewissen Rahmen verläuft. Wir sind „offiziell“ polyamorös, wobei offiziell bedeutet, dass ein paar wenige Menschen davon wissen.

Ich hatte lange kein Interesse daran, selbst jemand anderen zu finden. Weder als „Spielpartnerin“, noch eben als Liebesbeziehung. Ich konnte nicht sagen warum. Vielleicht hatte ich Angst, dass ich damit die Liebe zur meinigen zerstöre. Ich war mir nicht sicher, ob ich jemand anders verliebt sein kann und die meinige trotzdem lieben kann, so wie ihr es möglich ist. Oder ich wusste ganz tief in mir noch von der Buchse der Pandora, die ich vor langem begraben konnte und die ich schon längst vergessen hatte.

Ich hatte auch nicht das Verlangen danach.

Die meinige versuchte mich, mit zarten und auch offensichtlichen Aktionen zu motivieren „Spass zu haben“.

Irgendwann, auch aus einer Krise heraus, entschloss ich mich, zumindest einmal einen Swinger-Club zu besuchen. Somit war meine 10 jährige monogame Phase gebrochen.

Ich kam für mich zumindest zu dem Schluss, dass Sex mit anderen Frauen möglich ist. Der Abend im Club war sehr spannend, auch wenn es eigentlich aus anderen Gründen zu einem scheiss Abend wurde. (never mind).

Jemanden kennen zu lernen, mit dem eine ähnliche Nebenbeziehung möglich ist, wie die meinige und Sie sie haben ist unrealistisch. Wir leben in einer Stadt, die kaum ein entsprechendes Umfeld anbietet. Die „Poly“ Community in unserer Stadt ist zwar aktiv, jedoch entweder auf dem „Kreuz- und Quer Ficken“ oder auf dem „komm reden wir darüber, wie man dies und das macht“ – mit Menschen, die keine Ahnung von tatsächlichen Lebensituationen haben, weil sie alle in ihrer „Welt“ leben, die mit der Realität eines anstrengenden Berufs, Kinder und Familie wenig zu tun hat.

Ich bin ein sehr schwieriger Mensch, besonders was Frauen angeht. Fast alle meine Ex-Beziehungen fanden mich zuerst grundunsymphatisch. Nicht, dass ich nicht mit anderen Menschen rede – alleine mein Beruf bringt das mit sich – aber ich kann nicht flirten. Ich bin arrogant, kühl, distanziert, intellektuell, böse.

Alles Voraussetzungen die mich schon als Vanille-monogam Mensch nicht wirklich sehr erfolgreich bei der Partnersuche gemacht haben.Und ich hatte vergessen, wie das ist. Ich hatte vergessen, warum ich so wurde, wie ich bin. Warum es mir Spass macht, Schmerzen zu verursachen und Macht und Kontrolle auszuüben.

Ich hatte ein Schutzschild um mich aufgebaut. Es blockierte alles, was an Nettigkeit und Kommunikationsfreude im Privaten um mich rum da war.

Dann aus einem Hochgefühl heraus, lies ich diesen Schild fallen. Es war mehr ein Zufall. Ein zufälliger Chat, aus dem sich ein stundenlanges Telefonat ergab. Viele Nachrichten. Jemand, der zwar unerreichbar ist, aber der mir etwas gab, was ich nicht vermisst hatte. Auch nicht vermissen werde. Auch nicht brauche. Aber – etwas, das schön war.

Ich wusste von Anfang an, dass es einfach ein Gedankenkonstrukt meinerseits war. Aber über sehr kurzen Zeitraum war der Austausch sehr intensiv. Sie erkannte sehr schnell, wie ich bin. Meine Stärken und Schwächen – wofür Menschen normalerweise Jahre brauchen. Irgendwann wartete ich auf ihre Antworten. Freute mich über ihre Antwort.

Und dann machte ich nur einen sehr kleinen Schritt nach vorne. Ein paar Milimeter. Und der Kontakt kühlte sofort ab. Und ich spürte dieses alte Gefühl, diesen Dämon, der in mir schlummerte. Den ich 10 Jahre nicht gespürt habe. Dieses Gefühl des nicht „passend“ zu sein…und dahinter der Große Bruder der Ablehnung. Ein Dämon, der mich foltert. Quält. Durch den, um ihn zu besiegen, ich so wurde, wie ich bin. Und das Gefühl, etwas verloren zu haben, obwohl ich es nie hatte.

Die meinige erkannte, dass ich Interesse für diese Person hatte. In ihrer Art wollte sie mich motivieren, sie zu treffen. Nicht wissend, dass zu diesem Zeitpunkt das Spiel bereits verloren war. Oder begonnen hatte, ich es aber nicht so spielen wollte.

Und jetzt kämpfe ich wieder mit den alten Dämonen, die ich nie mehr erfahren wollte. Dieses Gefühl, das an mir nagt. Und das Schild ist unten. Die Büchse der Pandora hat ihre Kette verloren und ist wieder geöffnet. Ich wünschte, ich wäre wieder kalt. Aber die Würmer kriechen heraus und bohren sich in mein Fleisch. Das einzige, wofür ich für so viele Frauen in meiner Vergangenheit gut war, wird wieder genutzt. Jemand, der zuhört. Jemand, der tröstet. Jemand, den man anruft, wenn es einen schlecht geht. Aber nicht, wenn es einem gut geht. Mit dem man Freude teilen will. Oder ihm sogaretwas gibt, was er vielleicht gar nicht vermisst. Was aber schön wäre.

 

3 Gedanken zu “Die Büchse der Pandora (reopened)

  1. Sehr selbstkritisch und beeindruckend. Und leider allzu vertraut, die Sache mit dem Schild. Passiert mir immer wieder, auch wenn ich mir jedesmal vornehme, furchtlos in die nächste Begegnung einzutauchen. Ich bin inzwischen der Meinung, nur ohne diesen Schutz werde ich irgendwann dem Menschen begegnen können, mit dem es endlich passt.
    Ich wünsch dir von Herzen, dass du das findest, was dir guttut.

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  2. Hallo du. Ich finde es erstaunlich wie du diese Gefühlskälte beschreibst. Als würde ich meinen Mann „lesen“. Nur selten das er mich an sich herankommen lässt – er weich ist. Ich sehe es als Frau in gewisser Hinsicht genauso wie Du, aber es ist auch sehr schwer mit so einem Menschen zu leben oder im wirklich nah zu sein. Und dann erkaltet man nicht nur selber sondern auch den anderen. Wie ein Dominoeffekt. Je kälter meiner ist, desto kälter werde ich, und trotzdem ist da dann dieses warme Gefühl „angekommen“ zu sein. Ich hoffe ich habe das jetzt verständlich ausgedrückt. Alles Liebe c.

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