Kalte Asche (für J)

Draußen weht der Wind.  Ein Schneesturm, ohne Erbarmen.  Ich blicke durch den Raum.  Ein Hotelzimmer,  auf einer Alm,  4 Sterne. Js. Familie feiert unten im Lokal den Geburtstag des Großvaters.  80 Jahre.  Irgendwie aber noch immer aktiv.  Wenn auch nicht mehr so wie vor 9 Jahren,  als ich das erste mal in seinem Wohnzimmer saß. Damals gediegen.  Mitten in der Stadt,  aber fast ein Penthouse.  Seine Frau 10 Jahre jünger. Beide Weltenbummler.

Heute zerfrisst sie der Krebs.
Langsam aber sicher.
Beides Krebsarten,  mit denen man stirbt,  aber nicht an denen.

Zerfressen.
Das bin ich auch.
Die Kinder neben mir im Bett.  Schlafen seit Stunden. Der Sturm tobt und heult. In mir brodelt es. Ich werde sie verlieren.
Vielleicht an eine Frau.
All die Jahre hatte ich es verdrängt.  Hatte gehofft,  dass dieses Thema nie aufkommen würde. Neben mir lag ihr Handy und lud auf. Am Display blitzen die Nachrichten von Ihr auf.  Ich kann sie nicht lesen, will es auch gar nicht.  Ich habe Angst davor,  etwas zu erfahren,  was ich nicht wissen will. Werde ihr Vertrauen nicht verletzen. Pin und Passwort wüsste ich. Aber es ist ihr Leben.
Ich weiß nur,  wer Sie ist. Hatte ihr Profil gesehen, gelesen, was öffentlich war. Und wusste,  was mir J. erzählte.
Nicht viel.
Aber ich kenne J.
Manchmal besser als mich selbst.  Sie schwärmt für diese Person.
Oder besser dafür,  was Sie ist und hat und was wir nicht haben.
Sie lebte ihre Sexualität frei aus.  Eine Masochistin,  polyamour.
J. hatte oft probiert,  mich zu Spielchen zu überreden.
Sie wollte gefesselt werden.
Geschlagen.
Genommen.
Ich fand keine Lust darin.

MANN SCHLÄGT KEINE FRAUEN.
MANN ZWINGT SICH IHNEN NICHT AUF.

Mein ganzes Leben wurde ich von Frauen erzogen. Mein Vater starb früh, da war ich noch keine 12 Jahre alt, war er bereits schwer krank. 3 Jahre später war er tot.
Es gab nur wenige männliche Vorbilder. Und die waren fern. Ein Lehrer, ein Vater einer Klassenkollegin. Der einzige, der mir Einhalt geboten hatte, als ich über die Strenge schlug. Auch er tot. Starb vor wenigen Wochen.

Über die Strenge schlagen.
Mein Kopf raste.
Hier im dunklen Zimmer.
Seltsam. Damals, in Teenagerjahren. Keine Freundin. Frauen interessierten sich nicht für mich. Ich war ein Freak. Übergewichtig. Nerd. Das Klischee eines Metal Kids.
Nur damals hörten Frauen keinen Metal. Oder zumindest nicht die Frauen, die ich kannte. Man mochte die adretten Jungs. Im Polo.
Mein Geist hatte sich Wege gesucht, zumindest in der Fantasie Befriedigung zu finden. Ich schrieb Geschichten. Oder dachte sie mir aus, beim schlafen gehen. Zur Selbstbefriedigung. Damals, als es noch kein Internet gab.

Man sollte mir die Frauen vorführen.
Sie erniedrigen.
Ich benutzte sie.
Keine Fantasiegestalten.
ICH, der Herrscher der Welt.

Wieder blitze ihr Handy auf. Was schrieb diese Frau Meiner mitten in der Nacht?

J. hatte vor ein paar Tagen ein altes Spielzeug heraus gekramt. Ein Halsband aus Leder und Stahl. Ein Sklavenring.
Sie mochte es. Ich konnte damit wenig anfangen. Es lag plötzlich auf ihrem Schreibtisch. Was wollte sie damit?

Wann hatten wir das letzte Mal Sex? Es muss länger her sein. Auf der Couch. Wie immer. Die Kinder schlafen im Bett. Ich hatte es im Sommer gebaut. Jetzt im Winter war es noch immer nicht ein einziges mal „richtig“ benutzt worden.

Sex war anstrengend und oft unerotisch. Kondome. Eine scheiss Erfindung, wenn man immer Angst hat, dass das Teil verrutscht. Und noch ein Kind kommt.
Die Angst hatte ich einer Ex-Freundin zu verdanken, Js Vorgängerin. Selbst unsicher. Ständiges Nachprüfen mitten drin.
Ironischer Weise hatten wir den besten Sex, wenn dabei ein Kind entstand oder eines entstehen sollte. Oder ich leicht angetrunken war.
Und sie einfach nahm.
Wie ich wollte.
Und nicht zu früh kam.

J. ist unten. Sie hat sich heute geschminkt.Das Gewand bieder. Steht ihr nicht.  Aber für die Familie halt.
Die Lippen rot.
Ja, das hat sie heute.
Die Lippen rot.

Ich bin seit Tagen erregt. Hatte gehofft, der Trip hierher böte eine Gelegenheit. Aber ich kam erst einen Tag vor der Abreise. Die Arbeit. Die Pflicht.
Ich werde sie nehmen. Hier. Im Hotelzimmer. Die Kinder schlafen tief und fest. Sie werden nicht aufwachen. Der Sturm beruhigt sie. Das ist immer so.

Es muss etwas anders werden.
Ich muss mit ihr reden.
Habe es mir geschworen, nie wieder den Fehler zu machen.
Oder wir verlieren uns.
Nicht in einem Feuerball. Sondern in einer Glut, die langsam ausbrennt. Bis einer geht. Kalte Asche.
Sich das holt was fehlt.

Was fehlt mir?
Was hemmt mich?
Wann habe ich das letzte Mal mit J. gesprochen?
Wirklich gesprochen?
Die Kinder vorschieben ist zu einfach.
Wir verbringen viele Stunden am Abend nebeneinander. Aber nicht zusammen.
Und dann doch immer wieder Intimität. Ganz intensiv. Wir liegen auf der Couch. Nebeneinander. Kraulen uns den Rücken. Schlafen umarmt ein.

Wie oft habe ich versucht, zu ihr vorzudringen?
Ständig war sie online oder chattete am Handy.
Das verdammte Teil.
Ich konnte nicht mit ihr reden.
Sie rettete die ganze Zeit die Welt.
War die Übermutter einer ganzen Stadt.
Aber ich war nicht besser.
Meine „Hausfreundin“ war der Computer. Ich verbrachte Nächte davor.
Damit ich mich nicht mit mir selbst beschäftigen muss.
Mit dem, was mit mir nicht stimmt.
Was falsch ist.
Und auch ich rettete eine ganze Stadt.
Oder versuchte es zumindest.
Kläglich zum Scheitern verurteilt.

Ich sollte sie einfach nehmen.
Nein sagen konnte sie immer.

Ich habe meinen Anzug an. Wegen der Feier. Er gibt mir Selbstvertrauen, dass mir bei Äußerlichkeiten fehlt.
Ich hole die Kondome aus der Tasche.
Wir hatten 50 Stück gekauft, vor Monaten. Amazon Abo…
J witzelte, dass die meisten wohl in 4 Jahren ablaufen würden. Ich witzelte mit.

Stecke 2 davon in die Hosentasche. Man kann bei den Dingern nie wissen. Falsch aufgerissen und schon kannst du es wegschmeissen.

Ich lege mich wieder hin und warte.
Der Gedanke an J. erregt mich.
Ich weiß, was ich tun werde.

Ich höre sie an der Tür.
Die Tür geht auf.
Sie lächelt mich an. Müde. Freut sich mich zu sehen.
Rote Lippen.
Ich habe den Finger vor dem Mund. Deute ihr still zu sein.

Packe ihren Kopf. Küsse sie. Drücke sie halb nach unten.
Halte sie fest. Man zweite Hand wandert über ihre Brüste zwischen ihre Beine.
Ich greife sie fest an. So fest wie schon lange nicht mehr. Überhaupt schon?
Ich spüre ihre Erregung.
Ich lasse mich gehen.
Nehme sie, wie ich will.
Am Teppichboden im Zimmerflur.
Schiebe ihre Unterwäsche beiseite. Dringe mit den Fingern in sie ein. Suche ihren Punkt.
Halte sie fest.
Küsse sie. Während mein Schwanz in sie stößt. Ihr Kopf gegen den Boden knallt. Und die Zimmertür.Ihre Beine um mich geschlungen. Ihr Mund in meine Schulter verbissen. Damit sie nicht schreit.
Hier und jetzt gehört sie mir. Auf Ewig. für meine 4 und ihre 30 Sekunden. Oder länger.

3 Wochen später mussten wir nachbestellen. Wir lachten darüber, dass Kondome ablaufen können.
Die Asche war nicht kalt.
Sie beschützte die heiße Glut, bis der Sturm sie fort wehte und das Feuer neu entfachte.

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